Die Geschichte der St.Johanniskirche zu Werben an der Elbe

Werben - oft taucht der Name dieses zu den sieben alten Städten der Altmark gehörigen Ortes in der Geschichte auf. Als Burg im Zuge der Christianisierung gen Osten entstanden, führte ihre günstige strategische Lage sie mitten hinein in die großen Auseinandersetzungen der Zeit. Kaiser Konrad II. weilte 1032/34 in Werben. 1056 findet eine Schlacht zwischen Wenden und markgräflichen Truppen bei Werben statt. Erst mit der Eroberung der Prignitz verliert es seine exponierte Stellung als Vorposten der Reiches an der Ostgrenze. Im Dreißigjährigen Krieg war Werben wichtiges schwedisches Nachschublager. Ein Gedenkstein vor dem Rathaus erinnert daran. Daß auch Handel und Wandel in dem heute nur noch ca. 12OO Einwohner zählenden Städtchen blühten, beweist die Mitgliedschaft im Bund der Hanse.

Bauwerke als Zeugen der großen Vergangenheit sind nicht viele, aber sehenswerte erhalten. Protzige Bürgerbauten fehlen. Von der einst mächtigen Stadtmauer mit ihren fünf Toren steht neben dem "Hungerturm" mit seinen angrenzenden Mauer- Resten nur noch das prächtige Elbtor, vermutlich ebenso wie das Uenglinger Tor in Stendal und das Neustädter Tor in Tangermünde von Steffen Buxtehude erbaut. Dazu existierte jeweils auf der Höhe des Walls in Richtung Seehausen das Seehäuser, in Richtung Räbel das Räbelsche und in Richtung Elbübergang das Fischer-Tor. Im Süden bei der Johanneskirche, auf dem Guts-Gelände zur Domäne hin, befand sich ein weiteres, nämlich das Komturei-Tor. In seiner Nähe finden wir nur noch einen äußerlich recht unscheinbaren Zeugen der Geschichte. Es ist die Kapelle der Komturei des Johanniterordens, erbaut kurz nach 1200.

Zwei Johanniter

Zwei Männer des Johanniterordens
Diese Johanniter, auch Malteser oder Rhodesier genannt, waren es, die im Verein  mit dem Senat der Stadt Werben die Johanneskirche erbauten und für sie bis 1542 Patronatsrechte ausübten. Werben ist im Mittelalter die einzige Niederlassung der Johanniter in der Altmark. Es ist die "Mutter Kommende" der "Ballei Brandenburg" innerhalb der "deutschen Zunge" dieses großen Ritterordens, von dem im  Folgenden  ausführlicher die Rede sein soll.

Es ist das Jahr 1113, als die "Bruderschaft des Hospitals des Heiligen Johannes des Täufers" vom Papst als erster der drei großen geistlichen Ritterorden (Johanniter, Deutsch-Ritter, Templer) bestätigt wird. Als caritative Einrichtung für Pilger und Kreuzfahrer entstanden, übernimmt er mehr und mehr kriegerische Funktionen. So wird 1291 Zypern besetzt und 1309 Rhodos. Dort sogar übesteht bis Ende 1522 ein selbständiger Johanniter-Staat. 1530 verleiht Kaiser Karl V. der Bruderschaft die Insel Malta. Diese geht dann 1798 an Napoleon verloren. Die weitgehend selbständig gewordenen Malteser oder Johanniter gelangen erst 1853 wieder unter die Oberhoheit des Papstes. Und bis heute besitzen sie souveräne Rechte mit eigenen diplomatischen Verbindungen und einen exterritorialen Palast in Rom.

Von Rom zurück nach Werben. 1158 nimmt Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) den Orden unter seinen Schutz. 1160 schenkt Markgraf Albrecht der Bär "dem Hospitale des heiligen Johannes zu Jerusalem die Kirche im Ort Werben an der Elbe mit allem Zubehör und 6 Hufen Landes, damit das dort an Nutzungen Gewonnene für Arme des Hospitals verwendet werde". Äußerer Anlaß dieser ersten Stiftung im norddeutschen Raum war der Tod der Gattin Albrechts am 7.Juli 1160, kurz nach einer Pilgerfahrt nach Jerusalem. Damit ist die Kommende Werben Mutterort der Ballei Brandenburg, zu der auch Mecklenburg, Pommern, Lauenburg, Gebiete der Lausitz und zeitweilig in Polen gehörten.

Die Markgrafen haben Werben nicht weiter gefördert. Dagegen schenkte ein Werbener Bürger Land im damals nahe gelegenen Ort Klinte. 1319 schenkte die in Arneburg residierende Herzogin Anna von Breslau einen Hof mit 3 Hufen Land in Behrendorf. Außerdem kaufen die Brüder für 300 Mark den Kornzehnten von 12 Hufen zu Räbel und Wolfswinkel. Und 1312 kommen größere Gebiete der Mark Brandenburg an die Johanniter, als ihnen der Besitz des aufgelösten Templerordens zugewiesen wird (z.B.Tempelhof in Berlin).

Bis ins 13.Jahrhundert haben die Werbener Johanniter eine bevorzugte Stellung in der sich herausbildenden Ballei inne. Als dem Orden 1217 und 1227/28 Dörfer im schwerinischen und Lauenburgischen geschenkt werden, geschieht das an die Johanniter im Allgemeinen und die in Werben im Besonderen. In dieser Zeit werden für Werben wegen sehr umfangreicher Seelsorgetätigkeit bis zu sieben Brüder genannt. Eine ungewöhnliche Zahl; in manchen Kommenden war nur der Komtur Mitglied des Ordens.

Doch auf die Dauer kann Werben seine zeitweilig ausgeübten Vorrechte nicht manifestieren. Nach 1300 geht die Werbener Bedeutung trotz Förderung durch den an einer zentralen Leitung des verstreuten Besitzes interessierten Großpriors zurück. Letzterer urkundet am 8.März 1313 in Werben. Dabei erbittet der Senat der Stadt de Erlaubnis zur Errichtung der Kapelle des Heilgeistspitals. Für eine Zahlung von 100 Mark verpflichtet sich die Kommende durch einen Bruder zum Lesen der Frühmesse. Die erwähnte Kapelle ist in der Nähe des Rathauses erhalten. Sie ist heute als "Salzkirche" bekannt, weil sie schon im 18.Jahrhundert als Salzmagazin genutzt wurde. Sicher steht der Besuch des Großpriors in Werben im Zusammenhang mit den Selbständigkeitsbestrebungen der Ballei, die sich verstärken, da der Ordenssitz in seinen fernab gelegenen Gebieten lediglich günstige Einnahmequellen sieht. Doch steht er, in aufwendige Kämpfe verstrickt, der immer mehr fortschreitenden Selbständigkeit weitgehend machtlos gegenüber.

In dieser Zeit entsteht das Amt des Herrenmeisters. Obwohl der Werbener Komtur Gebhard von Wanzleben 1321/22 als 2.Stellvertreter des Generalvikars tätig ist, wird der Komtur von Braunschweig erster Herrenmeister. Aufgrund dieser Zurücksetzung kommt es in Werben zu inneren Auseinandersetzungen. Der Komtur nimmt eine zeitlang nicht an den Sitzungen des Kapitels der Ballei teil. Dazu kommen Führungsprobleme. 1340 heißt es in einem Schriftstück, daß der Prior (Pfarrherr) Heinrich von Lellum anstelle des Komturs Johann Hidden die Macht ausübt. 1341 hat gar Hermann von Warberg, 2.Herrenmeister und Komtur von Nemerow im Land Sternberg, für kurze Zeit auch die Komturei Werben unter seiner Hoheit. Zwar stabilisieren sich die inneren Verhältnisse wieder, die Vormachtstellung aber ist verloren.

RitterEin Ritter des Ordens des Hl.Johannes

Das 15.Jahrhundert bringt den Umbau der St.Johanniskirche in Werben in Zusammenarbeit von Senat und Komturei mit sich. Der heutige prächtige Zustand entsteht. An christliche Krankenpflegetraditionen erinnern uns die Gertraudenkapelle und die Ottilienkapelle von 1433.

Der qualitätsvolle Hauptaltar mit der von 27 musizierenden Engeln umgebenen Marienkrönung wird um 1430 geweiht. Von 1488 und 1489 stammen der 2,9O m hohe fünfarmige Standleuchter und das Taufbecken, beides aus Messingguß. Aus dieser Zeit stammt auch das Chorgestühl von zweimal sieben Sitzen. Hierbei nahm man es in der Reformation genau: Das neben den 12 Aposteln und Christus gemalte Bild der Maria wird durch das von Martin Luther ersetzt. Auch wird auf den Marienaltar zur Minderung seiner Aussagekraft und zur Abwehr einer fortdauernden Marienverehrung ein Dreifaltigkeitsaltar aufgesetzt.

Die Reformation bringt für die Brüder tiefgreifende Veränderungen mit sich. Ihre Existenz ist bedroht. Nur mit weitreichenden Zugeständnissen an den Markgrafen, verbunden mit fast völliger Loslösung vom Gesamtorden, entgehen die Balleier der Säkularisation. Dazu muß zunächst der Widerstand des eigenen Herrenmeisters von Arnim gebrochen werden, der sich gegen die Bestrebungen der neuen Zeit wehrt. Eine Kommision zwingt ihn zum Rücktritt. Am 30.Dezember 1544 wird Thomas Runge, Komtur von Werben, zum Herrenmeister gewählt. Die Bedingungen des Markgrafen dafür aber sind erniedrigend: Das Vermögen der Ballei wird eingezogen, im Amtseid wird der Landesherr vor dem Orden genannt, Runge soll seine Residenz beim Markgrafen in Küstrin nehmen und als Rat dienen, ohne Erlaubnis darf er nicht länger als 14 Tage von den Ordenshäusern enfernt bleiben.

Aber es gibt auch Erfreuliches zu berichten. 1544 sind bereits Komturen verheiratet. Im Klartext heißt das, daß innerhalb eines katholischen Ritterordens evangelische Brüder wirken! Dieser ungewöhnliche Status bleibt trotz mancher Auseinandersetzungen so unangetastet.

In ihrer Gesamtheit aber gehen die Brandenburger Johanniter in dieser Zeit mehr und mehr ins gutsbesitzerliche Leben über. Von kirchlichen Funktionen treten sie zurück. 1542 überläßt der Orden die Patronatsrechte der Johanneskirche dem Rat der Stadt Werben. Dabei wird die Ausstattung übernommen. 1599 dann wird eine erste Orgel gebaut. 1602 kommt eine Kanzel des Magdeburger Bildhauers Michael Spieß hinzu. Die vorhandene Orgel wird 1746 durch ein Instrument des berühmten Berliner Orgelbaumeisters Joachim Wagener ersetzt.

Sicherlich hat der 1652 zum Herrenmeister gewählte katholische kurfüstliche Rat Adam von Schwarzenberg, der die evangelischen Kirchen, Schulen und Ehen nicht antastet, mit seinen guten Beziehungen zum Kaiser auch seinen Anteil daran, daß der katholische Kaiser die evangelische Ballei schützt. Nach seinem Tode 1642 aber bleibt das Herrenmeisteramt längere Zeit vakant, sodaß die Existenz der Brandenburger Johanniter ein weiteres mal bedroht ist. Aber unter weitgehendem Verlust der auswärtigen Besitzungen bleibt die Ballei erhalten. Allerdings gibt Artikel XII des Westfälischen Friedens dem Kurfürsten das Patronatsrecht als Kriegsentschädigung. Damit ist eine Entwicklung sanktioniert, die schon nach der Reformation einsetzt. Da der Markgraf das alleinige Vorschlagsrecht für die Herrenmeister hat, gelangen seit 1594 immer häufiger jüngere Hohenzollernsproße auf den obersten Stuhl der Ballei, die damit zur bloßen Versorgungseinrichtung degradiert wird. Erst 1811 tritt der letzte Herrenmeister, Friedrichs II. Bruder Prinz August Ferdinand, zurück. Nach der Säkularisation von 1810 durch Friedrich Wilhelm III. bedeutet das, daß der königlich preußische Johanniterorden entsteht.

1852 wiederbegründet Friedrich Wilhelm IV. die Ballei Brandenburg unter evangelischem Vorzeichen. Sie widmet sich nunmehr völlig ihrer ursprünglichen Aufgabe, der Krankenpflege. In diesem Zusammenhang entstehen unter anderem Einrichtungen wie das Johanniter Krankenhaus in Stendal. Allerdings können nur Adlige Mitglieder des Orden werden. Einer der Bekanntesten unter ihnen ist der "Eiserne Kanzler", Fürst Otto von Bismarck, der es zur Ehrenkomturei bringt.

Im Gefolge der Säkularisation war Werben Staatsdomäne geworden. Ihre Ländereien sind nach 1945 zunächst in der Form eines kirchengemindeeigenen Kirchengutes bewirtschaftet worden; später dann durch eine "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft" (LPG). Heute, nach mehr als 800 Jahren, sind sie an verschiedene Landwirte des Ackerbürgerstädtchens verpachtet. Der Orden, den es nach wie vor gibt, ist europaweit auf gemeinnützigem Wege caritativ tätig.


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